Philip Kindred Dick: Nach der Bombe

BladerunnerMinority Report.Total RecallImpostor. Die Namen der Verfilmungen sagen den meisten irgendetwas,  aber der Name des Mannes, der hinter diesen Geschichten steht, ist außerhalb des Kreises der Science-Fiction Fans heute fast unbekannt, obwohl Philip K. Dick einer der bedeutendsten und einflussreichsten Autoren dieses Genres ist. Das Werk, das er bis zu seinem Tode 1982 schuf, umfasst dabei nicht weniger als ca. 120 Kurzgeschichten und über 40 Romane.

In seinem zwei Jahre nach der Kubakrise von 1962 veröffentlichten Roman Nach der Bombe versucht Dick die Angst vor der nuklearen Zerstörung der Zivilisation zu verarbeiten – mit einer stark grotesken Geschichte. Einer Geschichte, die genauso absurd erscheint wie die zur damaligen Zeit geltende amerikanische Verteidigungsdoktrin MAD (Mutal Assured Destruction), welche vorsah, dass die amerikanische Zweitschlagskapazität die UDSSR selbst bei einem gelungenen Erstschlag gegen die USA noch „aus den Ruinen heraus“ gänzlich vernichten konnte. Auf diese Weise sollte der „Frieden“ sichergestellt werden. Paradoxerweise hat die Doktrin – wider alle Erwartungen –  funktioniert.

In Nach der Bombe geht die Rechnung der Verantwortlichen jedoch nicht auf: Bluthgeld, ein an seiner Verantwortung für ein verheerendes Atomexperiment leidender und verrückt werdender Atompysiker schreibt sich selbst die übersinnliche Fähigkeit zu, den Weltkrieg zu entfesseln. Er selbst erlebt den Niedergang der Bomben aber voller Überraschung:

Er musste heute wirklich unglaublich unter Stress stehen, denn nun trat eine noch stärkere Veränderung der Sinneseindrücke ein, so wie er es noch nie erlebt hatte. Ein trüber Rauchschleier senkte sich herab, sodass die Häuser und Autos wie reglose, dunkle Klumpen ohne Farbe erschienen.

In einer erschreckend nüchternen und gelungenen Beschreibung der Detonationen und ihrer verheerenden Folgen wird auch das Schicksal der anderen Figuren geschildert. Hoopy, ein aufgrund des Bluthgeld’schen Experimentes ohne Arme und Beine, aber mit telekinetischen Kräften geborener „Phoko“ überlebt in dem Keller des TV-Reparaturservice einer amerikanischen Kleinstadt, für den er gerade angefangen hat zu arbeiten. Seinem schwarzen Kollegen Stuart gelingt gleiches unter Bergen anderer zufluchtsuchender Menschen in einem Zivilschutzkeller und es bewahrheitet sich später, was Hoopy ihm an diesem Tage noch in einer Vision prophezeit hat: Auf der anderen Seite des Lebens wird er rohe Ratten essen.

Sieben Jahre später erholt sich die Gesellschaft langsam wieder: Hoopy arbeitet auf dem Lande in der Gemeinde West Marin als genialer Techniker und Stuart als Vertreter für homöostatische Tierfallen. Und Geschick ist aufgrund der Mutationen nötig geworden, um Tiere zu fangen, denn die Fauna hat sich bedrohlich verändert: Katzen bilden jagende Rudel, Ratten beginnen Musikinstrumente zu beherrschen und Hunde geben – zwar verbal noch etwas ungelenk, aber kurz und knapp –  Auskunft darüber ab, wo sich ihr geliebtes Herrchen gerade befindet.

Eigentlich sollten wir sogar froh sein. Das Leben an sich ist etwas Gutes, selbst wenn es in verschiedenen Formen gerade vor mir steht.

Aber nicht nur die Tiere mutieren zu grotesken Gestalten, auch die Menschen verändern sich.  Dem jungen Mädchen Edie aus der Gemeinde, in der Hoopy untergekommen ist und in der Bluthgeld sich unter falschem Namen versteckt, gehört ihr Körper nicht alleine – in ihr gefangen lebt ihr ebenfalls mit paranormalen Fähigkeiten ausgestatteter Zwillingsbruder Billder seiner parasitären Existenz verbittert zu entkommen versucht:

Nimm eine Schnecke und halte sie ganz nah an mich hin, damit wir uns gegenseitig hören können.

Doch trotz allem: Die moderne Zivilisation geht nicht vollständig unter, auch wenn sie auf eine agrarische Existenz zurückgeworfen wird und Nachrichten von außerhalb nur noch schwer durchkommen. Zum Symbol des Überlebens wird dabei der Astronaut Dangerfield, der am Tage des Kriegsausbruchs eigentlich zum Mars fliegen sollte, nun aber seit sieben Jahren in seiner Kapsel die Erde umkreist und die Menschen mit seinen Sendungen unterhält:

„Sie können den Satelliten empfangen?“ Blaine wurde ganz aufgeregt. „Unser Radio funktioniert nicht mehr und unser Techniker  treibt sich irgendwo im Süden der Stadt herum, um nach Ersatzteilen für Kühlschränke zu suchen. Wahrscheinlich dauert es noch einen Monat, bis er zurückkommt.“

Techniker sind wichtig geworden zum Überleben der Gemeinschaften und was sich schon zu Beginn des Buches andeutet, geschieht endgültig: Hoopyentwickelt,um die Kränkungen und seine Behinderung zu kompensieren, Zügevon Größenwahn,mithilfe seiner übermenschlichen Kräfte mordet er und will die Kontrolle über die Menschen erlangen.

Dick möchte kaleidoskopartig verschiedene Schicksale von Opfern des nuklearen Holocaustes  und von Überlebenden  zeigen. Die verschiedenen Handlungsstränge kann er am Ende jedoch nicht mehr alle befriedigend – auch wenn sich die Mehrzahl der Figuren am gleichen Orte trifft – zusammenführen, so dass  Stuarts Bedeutung für den Roman schwindet. Ich habe dieses als ein Mangel empfunden: Einige Lebensläufe bleiben Facetten und tragen nichts mehr wirklich zum zentralen Plot um Hoopy bei.

Dick bietet dem Leser keine Identifikationsfigur: Es gibt keine Guten und Bösen. Die Menschen sind nach dem Tag „an dem die Bomben fielen“ noch genauso wie vor der Katastrophe: Stuart kann Behinderte – und damit auch Hoopy – nicht ausstehen, weil er durch sie an die Diskriminierung der Schwarzen erinnert wird,  Hoopy will aufgrund der erlittenen Kränkungen rachevoll die „Weltherrschaft“ und Edie entlässt ihren verzeifelt ans Tageslicht drängenden missgestalteten Buder nicht mitleidsvoll in eine Schnecke, wie verlangt, sondern kichernd in einen augenlosen Wurm.

Man muss sich also auf die einfallsreichen Visionen Dicks einlassen, damit einem dieses Buch überhaupt gefallen kann,  man muss die Folgen der Strahlungen und die wachsenden telekinetischen Kräfte akzeptieren – so grotesk und absurd sie auch erscheinen mögenSchließlich versucht Dick das Unfassbare und eigentlich Unvorstellbare aufs Papier zu bannen und in die Köpfe seiner Leser zu bringen; als Anklage auch gegen die Verantwortlichen in Militär und Wissenschaft, die er hier in Blutgeld personifiziert. Aber der Roman will auch angstvollen Stimmung des Kalten Krieges Hoffnung machen:  Es gibt, wenn auch nicht für alle, ein Nach der Bombe.

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