Philip Kindred Dick: Träumen Androiden von elektronischen Schafen?

Philip Kindred Dick: Träumen Androiden von elektronischen Schafen?

Der Vergleich zwischen einem literarischen Werk und seiner Verfilmung ist so eine Sache: Meistens bleibt doch der Film hinter seinem literarischen Vorgänger zurück – gleich ob man den Roman zuerst liest oder den Film als erstes schaut. Für den 1968 erschienenen Roman Träumen Androiden von elektronischen Schafen und den 1982 veröffentlichten Film Blade Runner gilt dieses aber nicht – zu sehr unterscheiden sie sich voneinander; möglicherweise ist das auch einer der Gründ dafür, dass der Film einen anderen Namen trägt als seine literarische Vorlage (neben der Tatsache, dass der Romantitel wahrscheinlich als Name des Kinofilms wenig Publikum angezogen hätte). Vielleicht ist aber auch gerade die eigene Natur des Filmes der Grund dafür, dass er so gut ist (er ist mein Lieblingsfilm). Tatsächlich sehe ich mich aufgrund der Unterschiede und meiner Begeisterung für Blade Runner außerstande, den Roman an diesem zu messen.  Deshalb werde ich ihn im Folgenden „behandeln“, als gäbe es den Kinofilm nicht (Für den Inhalt des Filmes und seine Beurteilung siehe man hier: http://dukesmovieblog.wordpress.com/2008/09/06/kurz-reingeschaut-blade-runner-usa-1982/)

Man schreibt das Jahr 1992, der WWT, der World War Terminus hat die Erde verwüstet, radioaktiver Staub liegt über den Megastädten, in die sich diejenigen Menschen zurückgezogen haben, die noch nicht zu den Kolonien ausgewandert sind. Aber auch diese werden vermutlich später zu den Sternen aufbrechen, denn die Gefahr, durch die Strahlung irgendwann zu erkranken und dann zu einem aus der Gesellschaft ausgeschlossenen special – womöglich einem halbdebilen chickenhead – zu werden, ist zu groß. Um das Leben in den Kolonien zu vereinfachen, werden immer bessere Modelle von Androiden konstruiert, das letzte, Nexus 6, ist vom Menschen nicht mehr zu unterscheiden, wäre da nicht ein ebenfalls immer weiter verbesserter Empathietest. Tatsächlich sind die Androiden teilweise zudem mit falschen biografischen Informationen ausgestattet, so dass sie selbst nicht einmal wissen, dass sie keine Menschen sind.

„I’m not a cop“. He felt irritiable , now , although he hadn’t dialed for it. „You’re worse“, his wife said, her eyes still shut,“You’re a murderer, hired by the cops.“

Rich Deckard ist ein Kopfgeldjäger, der für das San Francisco Police Department arbeitet und der sich in seiner kalten Ehe zunehmend alleine, verlassen und  mit seinen Problemen von seiner Frau unverstanden fühlt. Deckards Aufgabe ist es, entlaufende Androiden „in den Ruhestand zu schicken“.  Seine Chance bietet sich, als der eigentliche Kopfgeldjäger des Distriktes von einem der sechs Exemplare des Modells Nexus 6, nach denen er auf der Jagd ist,schwer verwundet wird. Und Deckard braucht das Kopfgeld dringend, denn im Gegensatz zu seinen Nachbarn verfügt er als Statussymbol zu seinem Leidwesen nur über ein elektronisches Schaf – und die noch lebenden Überbleibsel der aufgrund der Strahlung weitgehend ausgestorbenen Tierwelt sind teuer. Er macht sich auf zur Zentrale der Rosen Company, dem Hersteller des Nexus 6, um die Funktionalität seines Test sicherzustellen. Dabei lernt er Rachel Rosen kennen, die – wie er beim Teyst entdeckt – ein Nexus 6 ist. Sie bietet ihm ihre Hilfe bei der Jagd an. Deckard lehnt zunächst ab.

Empathy toward an artificial construct? he asked himself. Something that only pretends to be alive? But Luba Luft had seemed genuinely alive…

Bei seinem Versuch, einen als Opernsängerin getarnten Androiden, Lola Luft, auszuschalten, wird Deckard verhaftet und in ein Polizeirevier gebracht, das ihm bisher unbekannt gewesen ist – zu seinem Entsetzen muss er entdecken, dass die entflohenen Androiden eine Organisation geschaffen haben, um miteinander in Kontakt bleiben zu können. Mit Hilfe eines weiteren menschlichen Kopfgeldjägers, den Deckard aber eigentlich für einen Andoiden gehalten hat, kann er entkommen und Lola Luft töten. Spätestens jetzt beginnt er an seiner Aufgabe zu zweifel, denn die Unterscheidung zwischen Mensch und Android ist kaum möglich: Der kalte Charakter des anderen Kopfgeldjägers lässt ihn nachdenklich werden.

Die andere Hauptfigur des Romans  ist J.R. Isidure, ein chickenhead, der zufälligerweise in dem abbruchreifen Appartmenthaus wohnt, in dem die letzten drei gesuchten Nexus-6-Modelle Unterschlupf suchen. Er beschließt ihnen zu helfen.

Do Androids dream, Rick asked himself.

Bevor es zum Showdon in dem leeren Apartementhaus bei J.R. Isildure kommt, ruft Rick Deckard Rachel Rosen an und bittet sie ihm zu helfen – tatsächlich zweifelt er nämlich daran, ob er noch in der Lage sein wird, die Androiden zu töten, denn er beginnt Mitgefühl für seine „Opfer“ zu entwickeln. Auch der vorhergehende Kauf des so lang erträumten Haustieres vom schon ausgezahlten Kopfgeld hat seine Stimmung nicht verbessert. Rachel und er verbringen die Nacht miteinander, doch ist im Gegensatz zu Rick von Rachels Seite aus weniger Gefühl als vielmehr Berechnung dabei, dass sie mit ihm schläft – sie will die anderen Androiden vor ihm schützen, ihn emotional destabilisieren, sodass er seiner Aufgabe nicht mehr nachgehen kann.

„If I could legally marry you, I would“ […] And in two years he thought, you’ll wear out and die. Because we never solved the problem of cell replacement, as you pointed out. So I guess it doesn’t matter anyhow.

Wie auch der Film stellt der Roman gelungen die immer noch unbeantwortete Frage danach, was den Menschen eigentlich ausmacht, was ihn von der Maschine – und sei sie noch so hoch entwickelt – unterscheidet. Die Antwort des Romans ist das Mitleid, die Zuneigung und die Aufopferungsfähigkeit für andere, sie machen den Unterschied aus, gerade weil die Grenzen zwischen Mensch und Android  zu verschwimmen beginnen, wenn bounty hunter vorschlagen, erst mit der Beute zu schlafen, bevor man sie tötet, wenn auch Rick Deckard eigennützig Rachel Rosen in sein Hotelzimmer bittet, um später emotionslos über ihre nur noch kurze Lebensspanne zu reflektieren und wenn die menschlichen Figuren (I was in an 382 mood) ihre Gefühle für den jeweiligen Tag elektronisch steuern, die Androiden jedoch (möglicherweise) in ihrem Sklavendasein von der Freiheit oder eigenen elektronischen Schafen träumen…

Edward George Bulwer-Lytton: Das kommende Geschlecht

Zugegeben: Man kann Zweifel daran hegen, ob der 1871 erschiene Roman Das kommende Geschlecht ein dystopischer  ist. Man könnte dieses Werk, das den Beginn der modernen Science Fiction markiert, wenn man denn will, sicher auch als Utopie lesen. Ich tendiere jedoch eher zu ersterem. Doch dazu später mehr.

Die eigentliche Handlung ist wenig inhaltsreich und schnell erzählt. Den namelosen Ich-Erzähler verschlägt ein Unglück während der Erkundung eines Bergwerkstollens in  eine andere Welt. Mit Faszination und Entsetzen muss er feststellen, dass in den Eingeweiden der Erde zahlreiche Völker leben, von denen die Vril-Ya das wohl mächtigste sind.  Dieses hochentwickelte und dem Menschen auch körperlich weit überlegene „Geschlecht“ entscheidet sich zu seinem Glück dafür, den Eindringling nicht zu töten, sondern ihm Unterkunft zu gewähren. Der nun folgende Zwangsaufenthalt, denn man hat, wie der Erzähler später feststellen muss, den Zugang zur Unterwelt verschlossen, gibt ihm die Gelegenheit, die ihm unbekannte Zivilisation mit ihren Sitten, Gebräuchen und technischen Errungenschaften genau zu beobachten. Diesen Beobachtungen räumt Bulwer dementsprechend auch den größten – manchmal auch den Leser stark ermüdenden – Teil des Romans ein. Mit zunehmendem Verständnis der Zivilisation der Vril-Ya wächst aber das Entsetzen und die Furcht des  von ihnen liebevoll  „Tish“ (was soviel wie „Hündchen“ bedeutet) genannten Erzählers. Spätestens als ihn der junge Sohn seines Gastgebers auf der Jagd nach einer urzeilichen Riesenechse dazu zwingt, als Lockmittel zu fungieren und im Anschluss daran das Ungeheuer spielend vernichtet, muss er erkennen, dass sie nicht nur über eine geheimnisvolle Kraft namens Vril verfügen, die sowohl ihre Maschinen und Luftfahrzeuge antreibt und auch eine furchtbare Waffe darstellen kann, sondern dass sie auch alle Rassen, die nicht ihren zivilisatorischen „Entwicklungsstand“ besitzten, als mindertwertig betrachten.

Deshalb schwebt über ihm auch das Damoklesschwert der Vernichtung, als er entdeckt, dass sich die Tochter seines Gastgebers, die übermächtige Zee,  in ihn verliebt hat. Als sich auch noch die 16-jährige Tochter des Oberhauptes des Stammes in ihn verguckt, spitzen sich die Ereignisse zu: Sein Tod wird beschlossen und Zee entscheidet sich dafür, ihrem geliebten „Tish“ zu Flucht zu verhelfen. Mit ihrem geheimnisvollen Vril-Stab treibt sie einen neuen Tunnel durch das Gestein und bringt ihn zurück in die Oberwelt, um ihn dort in einer romantischen Szene für immer zu verlassen.

Warum ist dieser Roman nun ein dystopischer? Er ist gespickt  mit Anspielungen auf zeitgenössische soziale, wirtschaftliche und politische Theorien. Beispiele hierfür sind die rassistische Unterteilung der Völker und der rassisch motivierte Glaube der Vril-ya an die eigene Überlegenheit sowie dem daraus abgleiteten Recht, andere Rassen mitleidslos auszulöschen, wenn das Wohl   – z.B. eine notwendige Expansion – dieses erfordert. Bulwer nimmt sich hier die schon zu seiner Zeit grassierenden sozialdarwinistischen Theorien als Vorbild, und denkt sie konseqent zuende. Ebenso verhält es sich mit der Überlegenheit der Vril-Ya-Frauen gegenüber den Männern: Bulwer parodiert hier verschiedene Inhalte der sich langsam entwickelnden Frauenbewegung. Auch die Lösung der sich seit der Industrisierung immer dringender stellenden sozialen Frage wird im Roman gefunden: Es existiert kein Proletariat, vielmehr werden Maschinen und hochbezahlte Kinder und Jugendliche eingesetzt, um die notwendigen Arbeiten zu verrichten.

Interessant hier bei ist, dass Bulwer bei der Konstruktion der Gesellschaft der Vril-Ya mit Bausteinen arbeitet, von denen er glaubt, dass sie schon gscheitert sind bzw. keine Zukunft haben werden – er war eben kein Darwinist und hielt diese Theorie für eine der vielen wissenschaftlichen Theorie-“Flops“ seiner Zeit. Er karrrikiert beispielsweise die zeitgenössische Diskussion über die Abstammung des Menschen, indem er das „Herrenvolk“ der Unterwelt darüber streiten lässt, ob die Frösche oder die Vril-Ya aufgrund ihrer fehlenden Körperbehaarung vollkommener sind und somit, ob der Frosch eine Weiterentwicklung der Vril-Ya ist oder umgekehrt.

Das Reich der Vril-Ya ist insofern also eine Dystopie, als es nach der Ansicht des Autors auf falschen Theorien, Annahmen und Überzeugungen aufgebaut ist. Dass eine Prophezeiung der Vril-Ya besagt, dass sie einst auch die Herrschaft an der Oberwelt antreten werden – die Furcht hiervor bewegt den Ich-Erzähler noch auf der letzten Seite – eröffnet ein Katastrophenszenario für die Menschheit:  Ihr bleibt nur das Weichen vor oder die völlige Auslöschung durch das kommende Geschlecht.

Philip Kindred Dick: Nach der Bombe

BladerunnerMinority Report.Total RecallImpostor. Die Namen der Verfilmungen sagen den meisten irgendetwas,  aber der Name des Mannes, der hinter diesen Geschichten steht, ist außerhalb des Kreises der Science-Fiction Fans heute fast unbekannt, obwohl Philip K. Dick einer der bedeutendsten und einflussreichsten Autoren dieses Genres ist. Das Werk, das er bis zu seinem Tode 1982 schuf, umfasst dabei nicht weniger als ca. 120 Kurzgeschichten und über 40 Romane.

In seinem zwei Jahre nach der Kubakrise von 1962 veröffentlichten Roman Nach der Bombe versucht Dick die Angst vor der nuklearen Zerstörung der Zivilisation zu verarbeiten – mit einer stark grotesken Geschichte. Einer Geschichte, die genauso absurd erscheint wie die zur damaligen Zeit geltende amerikanische Verteidigungsdoktrin MAD (Mutal Assured Destruction), welche vorsah, dass die amerikanische Zweitschlagskapazität die UDSSR selbst bei einem gelungenen Erstschlag gegen die USA noch „aus den Ruinen heraus“ gänzlich vernichten konnte. Auf diese Weise sollte der „Frieden“ sichergestellt werden. Paradoxerweise hat die Doktrin – wider alle Erwartungen –  funktioniert.

In Nach der Bombe geht die Rechnung der Verantwortlichen jedoch nicht auf: Bluthgeld, ein an seiner Verantwortung für ein verheerendes Atomexperiment leidender und verrückt werdender Atompysiker schreibt sich selbst die übersinnliche Fähigkeit zu, den Weltkrieg zu entfesseln. Er selbst erlebt den Niedergang der Bomben aber voller Überraschung:

Er musste heute wirklich unglaublich unter Stress stehen, denn nun trat eine noch stärkere Veränderung der Sinneseindrücke ein, so wie er es noch nie erlebt hatte. Ein trüber Rauchschleier senkte sich herab, sodass die Häuser und Autos wie reglose, dunkle Klumpen ohne Farbe erschienen.

In einer erschreckend nüchternen und gelungenen Beschreibung der Detonationen und ihrer verheerenden Folgen wird auch das Schicksal der anderen Figuren geschildert. Hoopy, ein aufgrund des Bluthgeld’schen Experimentes ohne Arme und Beine, aber mit telekinetischen Kräften geborener „Phoko“ überlebt in dem Keller des TV-Reparaturservice einer amerikanischen Kleinstadt, für den er gerade angefangen hat zu arbeiten. Seinem schwarzen Kollegen Stuart gelingt gleiches unter Bergen anderer zufluchtsuchender Menschen in einem Zivilschutzkeller und es bewahrheitet sich später, was Hoopy ihm an diesem Tage noch in einer Vision prophezeit hat: Auf der anderen Seite des Lebens wird er rohe Ratten essen.

Sieben Jahre später erholt sich die Gesellschaft langsam wieder: Hoopy arbeitet auf dem Lande in der Gemeinde West Marin als genialer Techniker und Stuart als Vertreter für homöostatische Tierfallen. Und Geschick ist aufgrund der Mutationen nötig geworden, um Tiere zu fangen, denn die Fauna hat sich bedrohlich verändert: Katzen bilden jagende Rudel, Ratten beginnen Musikinstrumente zu beherrschen und Hunde geben – zwar verbal noch etwas ungelenk, aber kurz und knapp –  Auskunft darüber ab, wo sich ihr geliebtes Herrchen gerade befindet.

Eigentlich sollten wir sogar froh sein. Das Leben an sich ist etwas Gutes, selbst wenn es in verschiedenen Formen gerade vor mir steht.

Aber nicht nur die Tiere mutieren zu grotesken Gestalten, auch die Menschen verändern sich.  Dem jungen Mädchen Edie aus der Gemeinde, in der Hoopy untergekommen ist und in der Bluthgeld sich unter falschem Namen versteckt, gehört ihr Körper nicht alleine – in ihr gefangen lebt ihr ebenfalls mit paranormalen Fähigkeiten ausgestatteter Zwillingsbruder Billder seiner parasitären Existenz verbittert zu entkommen versucht:

Nimm eine Schnecke und halte sie ganz nah an mich hin, damit wir uns gegenseitig hören können.

Doch trotz allem: Die moderne Zivilisation geht nicht vollständig unter, auch wenn sie auf eine agrarische Existenz zurückgeworfen wird und Nachrichten von außerhalb nur noch schwer durchkommen. Zum Symbol des Überlebens wird dabei der Astronaut Dangerfield, der am Tage des Kriegsausbruchs eigentlich zum Mars fliegen sollte, nun aber seit sieben Jahren in seiner Kapsel die Erde umkreist und die Menschen mit seinen Sendungen unterhält:

„Sie können den Satelliten empfangen?“ Blaine wurde ganz aufgeregt. „Unser Radio funktioniert nicht mehr und unser Techniker  treibt sich irgendwo im Süden der Stadt herum, um nach Ersatzteilen für Kühlschränke zu suchen. Wahrscheinlich dauert es noch einen Monat, bis er zurückkommt.“

Techniker sind wichtig geworden zum Überleben der Gemeinschaften und was sich schon zu Beginn des Buches andeutet, geschieht endgültig: Hoopyentwickelt,um die Kränkungen und seine Behinderung zu kompensieren, Zügevon Größenwahn,mithilfe seiner übermenschlichen Kräfte mordet er und will die Kontrolle über die Menschen erlangen.

Dick möchte kaleidoskopartig verschiedene Schicksale von Opfern des nuklearen Holocaustes  und von Überlebenden  zeigen. Die verschiedenen Handlungsstränge kann er am Ende jedoch nicht mehr alle befriedigend – auch wenn sich die Mehrzahl der Figuren am gleichen Orte trifft – zusammenführen, so dass  Stuarts Bedeutung für den Roman schwindet. Ich habe dieses als ein Mangel empfunden: Einige Lebensläufe bleiben Facetten und tragen nichts mehr wirklich zum zentralen Plot um Hoopy bei.

Dick bietet dem Leser keine Identifikationsfigur: Es gibt keine Guten und Bösen. Die Menschen sind nach dem Tag „an dem die Bomben fielen“ noch genauso wie vor der Katastrophe: Stuart kann Behinderte – und damit auch Hoopy – nicht ausstehen, weil er durch sie an die Diskriminierung der Schwarzen erinnert wird,  Hoopy will aufgrund der erlittenen Kränkungen rachevoll die „Weltherrschaft“ und Edie entlässt ihren verzeifelt ans Tageslicht drängenden missgestalteten Buder nicht mitleidsvoll in eine Schnecke, wie verlangt, sondern kichernd in einen augenlosen Wurm.

Man muss sich also auf die einfallsreichen Visionen Dicks einlassen, damit einem dieses Buch überhaupt gefallen kann,  man muss die Folgen der Strahlungen und die wachsenden telekinetischen Kräfte akzeptieren – so grotesk und absurd sie auch erscheinen mögenSchließlich versucht Dick das Unfassbare und eigentlich Unvorstellbare aufs Papier zu bannen und in die Köpfe seiner Leser zu bringen; als Anklage auch gegen die Verantwortlichen in Militär und Wissenschaft, die er hier in Blutgeld personifiziert. Aber der Roman will auch angstvollen Stimmung des Kalten Krieges Hoffnung machen:  Es gibt, wenn auch nicht für alle, ein Nach der Bombe.

Frank Schätzing: Der Schwarm

Eigentlich ist es sinnvoll, misstrauisch zu werden, wenn so viel Furore um ein Buch wie Der Schwarm von Frank Schätzing gemacht wird. Mehr als 3900000 wurde das Buch seit 2004 verkauft – eine unglaubliche Zahl, gerade auch aufgrund der Tatsache, dass das Buch 1000 Seiten umfasst. Zum Vergleich: Günter Grass’ berühmter Roman Die Blechtrommel wanderte seit seinem Erscheinen 1959 (!) „erst“ 3200000 über den Ladentisch. Ich war jedenfalls misstrauisch, als ich das Buch das erste Mal zur Hand nahm – unnötigerweise, wie sich herausstellte. Mittlerweile habe ich es 5 Mal gelesen und finde es immer noch nicht langweilig. Dass das Buch so spannend ist, liegt an verschiedenen Faktoren:

Zum einen ist der Grundplot gut gestrickt. Seltsame Würmer werden auf dem Meeresboden gefunden, die sich in die dort vorkommende Methaneisdecke bohren. Zudem sind die Meere für die Menschen mit einem Male nicht mehr sicher: Grauwale attackieren planvoll Boote und Schiffe – gleich ob sie mit Umweltaktivisten oder Fischern besetzt sind – und Orkas machen sich anschließend über die Opfer der Angriffe her. Letztenendes kommt der gesamte Schiffsverkehr aufgrund verschiedener unglaublicher Hindernisse maritimen Ursprungs zum Erliegen: Die Welt geht einer wirtschaftlichen Katastrophe entgegen.

Eine solche trifft auch in anderer Form Nordeuropa, denn die von den Würmern ausgelösten Rutschungen am Kontinentalhang verursachen einen Tsunami, der in allen Anrainerstaaten Millionen Todesopfer fordert.

Die schon zu Beginn des Romans eingeführten Hauptfiguren kämpfen in diesem über die Welt hereinbrechenden Wahnsinn nicht nur häufig um ihr Leben (und verlieren es auch manchmal), sondern sind teilweise auch an von der US-Regierung organisierten Foschungsprojekten zur Planung von Gegenmaßnahmen beteiligt. Sigur Johanson, die wichtigste unter ihnen, ist als Meeresbiologe dem Rätsel schon seit seinem ersten Erscheinen auf der Spur, er ist es auch, der als erster hinter den Ereignissen einen planenden Geist vermutet und die Theorie aufstellt, dass in den Ozeanen eine dem Menschen bisher unbekannte Intelligenz („Yrrr“) existiere, die aufgrund der zunehmenden Umweltzerstörung zum Gegenschlag ausgeholt hat. Angesichts der Entdeckungen, dass der Golfstrom gestoppt wurde und dass ein noch viel gewaltigerer Tsunami droht, drängt die Zeit alle Beteiligten, die fremde Lebensfom zu finden und sie an der drohenden Vernichtung der Menscheit zu hindern.

Doch es ist nicht nur der Plot, der die Geschichte so spannend macht: So unglaublich die geschilderten Ereignisse auch sein mögen, dem Autor gelingt es durch die Inanspruchnahme wissenschaftlicher Theorien und Fakten das Gesamtgebilde glaubwürdig erscheinen zu lassen – wenn man sich denn auf die Existenz einer Kollektivintelligenz in den Tiefen der Ozeane einlassen kann.

Die Anlage des Werkes wirkt sich ebenfalls positiv auf die Spannung beim Leser aus: Durch die verschiedenen Hauptfiguren werden verschiedene Handlungsstränge an verschiedenen Orten ermöglicht, die der Autor für zahlreiche Cliffhanger nutzt – das Buch ist, auch wenn an einigen Stellen die wissenschaftlichen Erklärungen arg lang ausfallen und der Exkurs Anawaks überlesbar erscheint, einfach ein Pageturner.

Die Figuren sind zudem mit einer Ausnahme glaubwürdig und nicht sterotyp, nur die Handlungen der Leiterin der Gegenmaßnahmen  – sie wird später Sigrid Johansons Gegenspielerin – erscheinen unglaubwürdig und wenig wahrscheinlich, auch wenn die Charakterzüge aller Figuren, insbesondere des weintrinkenden und käseessenden Schöngeistes Sigurd Johanson, der der Damenwelt nie abhold ist, für meinen Geschmack etwas zu stark gezeichnet sind.

M.M.Buckner: Watermind

Tief in den durch die moderne Industrie verpesteten Wassern der Sümpfe des Mississippi entwickelt sich eine neue Lebensform – teils aus biologischen, teils aus winzigen elektronischen Komponenten. Sie wächst und hinterlässt auf ihrem Weg flussabwärts richtung Meer eine Schneise der Verwüstung – und weil sie zunehmend intelligenter und auch größer wird, macht sie den für den Sumpf verantwortlichen Großindustriellen Roman, der angesichts der immer größer werdenden Schadenssumme alles daran setzt, das „Ding“ zu stoppen, auch zunehmend Kopfzerbrechen.
Das ist ersteinmal ein kreativer Ansatz, das muss man dem Autoren lassen: Eine nicht wirklich böse, aber gefährliche wässrige W-Lan-Kreatur. Und sie kommt nicht aus dem All, sondern ist das Ergebnis des bedenkenlosen Umgangs des Menschen mit seiner Umwelt.
Das reicht dem Autoren jedoch noch nicht: Als Beinahe-Gegenspielerin Romans entwirft er die mit genialen Zügen und einem nicht ganz so hellen Liebhaber ausgestattete junge Wissenschaftlerin CG, die von wissenschaftlicher Neugier und Mutterinstinkten getrieben das Wasser-Wesen retten will. Am Ende erkennt allerdings auch sie, dass das Wesen (wenn auch nicht en gros) sterben muss.
Aber das reicht immer noch nicht: CG ist sich über ihre Empfindungen gegenüber Roman und ihrem Liebhaber Max nicht ganz sicher. Und natürlich schläft sie erst mit dem einen und dann mit dem anderen (und überraschenderweise auch mit dem Wasser-Blob).
Aber am Ende wird alles gut: CG erkennt ihren Fehler in Bezug auf die Kreatur, entscheidet sich irgendwie doch für ihren zwischendurch totgeglaubten, nun aber wiederkehrenden Liebhaber, Roman entpuppt sich letztendlich doch als durchaus mitfühlendes und liebenswertes Wesen und das „Ding“ wird durch EMPs in einem letzten großen Showdown geröstet.

Der Grundgedanke des Aufbaus, die Spannung über eine immer weiter wachsende und immer bedrohlicher werdende Kreatur und die von der Hauptfigur CG zu treffenden Entscheidungen sowie ihren sich zuspitzenden Konflikt mit Roman zu steigern, scheint durchaus sinnvoll. Der Autor ist zudem sichtlich bemüht, den Figuren Tiefe zu geben – sie wirken nicht wie Stereotypen. Aber trotzdem misslingt der Versuch: Die etappenreiche Verfolgungsjagd mit sich wiederholenden Mustern auf dem Old Men River ist ermüdend. Die psychologische Motivation Romans und CGs in Bezug zu ihren Handlungen wirkt konstruiert. Der lange Showdown – der nichts wirklich Neues mehr bringt – rettet das Buch nicht. Er verstärkt vielmehr die Langeweile, die irgendwo in der Mitte des 463-Seiten-Romans aufkommt.

Christopher Forrest: Der Genesis Code

Man kann Bücher auch nach Rezept schreiben, man braucht hierzu nur die richtigen Zutaten: Denn diese liegen ja in den Auslagen der Buchhandlungen in Form der erfolgreichen Beststeller schon herum: Da kann man sich ja bedienen – und wenn man von allem das nimmt, was das breite Publikum wirklich interessiert – und das dann miteinander kombiniert, dann muss das Ergebnis doch ein Erfolg werden. Oder etwa nicht?
Der amerikanische Jurist Christopher Forrest probiert es in seinem bei rororo erschienen Erstlingswerk aus, mit schon bekannten Zutaten etwas Neues zu köcheln. Das Rezept?
Zuerst nimmt man ein bisschen Leitwissenschaft, die Biologie, die ist gerade en vogue und davon am besten die Genetik – die bietet nicht nur unglaubliche Möglichkeiten, die in ihren Auswirkungen noch gar nicht abzuschätzen sind, sondern die DNA auch genügend rätselhafte Leerstellen, die die Wissenschaft zwar noch nicht entschlüsseln, wohl aber die Fantasie füllen kann.
Dann nehme man einen mächtigen uralten Orden, dessen Anhänger meuchelnd durch die amerikanische Landschaft ziehen, um die Menschheit über den im genetischen Code versteckte Botschaft im Dunkeln zu lassen und die deshalb – wie wäre es anders möglich – mit Vorliebe, aber nicht ausschließlich, rücksichtslos Jagd auf Genetiker machen. Deshalb muss Dr. Ambergris zu Beginn auch vorerst sterben.
Das garniere man mit uralten Kulturen, möglichst geheimnisvollen – den Maya beispielsweise, und ihrer Prophezeiung der Apokalypse im Jahre 2012. Denn darüber werden im Moment sogar Filme gedreht. Dr. Ambergris hätte sich wirklich eine andere Freizeitbeschäftigung als Mayacodizes wie das Popol Vuh suchen sollen.
Dann streusle etwas Kabbala darüber, denn natürlich hinterlässt der Verstorbene eine Botschaft an seinen Kollegen Madison, welcher sich nun auf die Suche nach dem Grund für die Ermordung Ambergris begibt. Aber nicht allein, denn seiner ehemaligen Geliebte Grace versucht der Orden den Mord in die Schuhe zu schieben – also ist auch sie dabei.
Etwas Roadmovie wäre dabei auch nicht schlecht – doch wie rührt man den unter das Ganze? Man nimmt einen Vorgesetzten mit einem dunklen Geheimnis und einer funktionierenden 8mm, der Madison und Grace bei ihrer Schnitzeljagd immer auf den Versen bleibt und ohne Rücksicht auf Verluste jeden Unglücklichen erledigt, der das Pech hat, von den beiden in ein Gespräch verwickelt zu werden. Oder den Raum betritt, in dem die beiden sich gerade aufhalten.
Das garniert man mit ein paar, am besten ganz vielen Cliffhangern – und weil Cliffhanger spannend sind, kann man auch 106 Kapitel auf 313 Seiten unterbringen. Dass passt dann schon. Außerdem entspricht das auch eher dem vom Fernsehen geprägten Konsumverhalten. Deshalb ist es hier auch gewollt, dass das Ganze zwar aussieht wie ein Roman, aber sich liest wie ein Drehbuch.
Zum Schluss einen Showdown, der irgendwie ein 9/11 für Genetiker mit ins Spiel bringt und etwas, womit keiner wirklich rechnen wird: Der Auferstehung Ambergris’.
Dann:Happy End. Obendrauf.
Fertig.
Dass Gebäude hin und wieder von platonischer anstatt von spartanischer Schlichtheit sind und der Held aus Gebüschen kriecht, obwohl sie explizit undurchdringbar genannt werden, wird ja keiner bemerken.
Im Ganzen ist vielleicht nicht genießbar, aber Übung macht ja bekanntlich den Meister.

Kyle Mills: Global Warning

Unter den zuletzt gelesenen Büchern ist er ein Lichtblick, der schon 2008 erschienene Roman „Global Warning“ von Kyle Mills. Obwohl es in ihm eigentlich zappenduster wird. Der Autor setzt mit ihm die nun 5-teilige Reihe, in deren Zentrum der ehemalige FBI-Agent Mark Beamon steht, fort. Abgeschoben zum Heimatschutz macht er sich diesmal auf die Jagd nach Bioterroristen, die genmanipulierte ölfressende Bakterien in die größten Erdölfelder der Welt eingebracht haben. Die Welt steht vor einer wirtschaftlichen Katastrophe, deren Auswirkungen auf das Leben aller Menschen logisch, anschaulich und nachvollziehbar beschrieben werden. Doch Mark Beamon steht diesmal nicht alleine: Der begnadete und seit dem angeblichen Tod seiner Freundin eremitenhaft lebende Biologe und ehemalige Umweltaktivist Erin Neal wird verdächtigt, Urheber der Verseuchung zu sein. Um seine Unschuld zu beweisen, macht er sich auf die Suche nach den Übeltätern und wird so zur eigentlichen Hauptfigur des Romans, neben der Mark Beamon eher blass erscheint, obwohl er im Gegensatz zu allen anderen Regierungs-beamten nicht von der Schuld Neals überzeugt ist.
Verkompliziert wird der Plot durch die Beteiligung von Neals scheintoter Exfreundin an den Attentaten, welche nun aber aufgrund mangelnder Verlässlichkeit um ihr Leben fürchten muss und deshalb beständig auf der Flucht vor dem Rest der dreiköpfigen Terroristengruppe ist.
Verständlicherweise wirft die Entdeckung, dass seine Exfreundin noch lebt, Erin Neal tüchtig aus der Bahn, aber da die Gefühle der beiden für einander noch längst nicht erloschen sind, heißt es nun: Drei gegen drei.

Der Roman ist spannend geschrieben, die Handlung realistisch (wenn man die New-World-Order-Aspekte des amerikanischen Sicherheitsapparates und die Existenz der im Roman beschriebenen Bakterien akzeptiert), die Figuren keine Stereotypen, wobei ihre Handlungen zudem noch nachvollziehbar motiviert sind. Leider schmälert das filmreife – weil auch amouröse – Happy-End nach dem Untergang der Bösen in einem etwas schwachen Showdown die Lesefreude gegen Ende hin. Nichtsdestotrotz habe ich mir aufgrund dieses Romans vorgenommen, auch die anderen Werke aus der Reihe um Mark Beamon vorzunehmen.