Isaac Asimov: Der Mann von drüben

Hurra! Nicht immer, aber manchmal versetzt einen das Verfassen einer Rezension zu einem guten Buch in Hochstimmung. Wieso ausgerechnet zu diesem? Eine teilweise Erklärung hierfür kann sein: Man nimmt den ersten „richtigen“ Science-Fiction-Roman seines Lebens, den man mit 11 aus dem Bücherbestand seiner Eltern gestohlen hat, noch einmal zur Hand (das selbe Buch) und stellt fest: Der ist immer noch gut. Der ist immer noch nicht gealtert – und das obwohl er schon von 1954 ist.
Der Rest der Erklärung für den Enthusiasmus? Man stellt dann auch noch bei den Recherchen fest, dass „Der Mann von drüben“ nur der 1. Teil einer ganzen bis Mitte der neunziger Jahre erschienenen Reihe von Detektivromanen ist, in deren Zentrum der New Yorker Polizist Elias Bailey steht. Hurra!

In „Der Mann von drüben“ muss Bailey einen Mord an einem Androidenforscher aus dem neben der Stadt liegenden Siedlung der Astroniden aufklären. Er bekommt deshalb den Kollegen R. Daniel Olivar zur Seite gestellt (Das R. steht übrigens zu Baileys Leidwesen für ‘Roboter’).
Damit sind Probleme vorprogrammiert. Nicht nur dass der astronidische Roboter Daniel ein zweifaches Feindbild für die Bewohner des riesenhaften unterirdischen New Yorks abgibt, als Erzeugnis der Nachfahren ehemaliger Kolonisten von der Erde bringt er auch nur beschränkte Kenntnisse über die Lebensweise der unterirdischen Stadtbewohner mit: Das männliche Sich-Anschweigen in den Gemeinschaftsduschen, das Leben in den Gemeinschaftsküchen und das Wertschätzen der famosen Nährhefenahrung.
Nur weniges kann hier noch gefahrlos verraten werden: Bailey wird es zum Ende tatsächlich gelingen, den Mörder zu stellen, allerdings muss er bis dahin unter anderem noch eine Anti-Androiden-Demonstration, eine Verfolgungsjagd über die Express-Gleitbänder der Stadt und die diversen Peinlichkeiten seiner falschen Erklärungsansätze überstehen. Denn Asimov gestaltet seinen Protagonisten dieses viel zu kurzen Romans erfreulich sympathisch und fehlerhaft. Erst ganz zum Ende hin gewinnt Bailey eine etwas unglaubwürdige und zu schablonenhafte Souveränität, die ihn aber nicht mehr entstellen kann. Und bis zu diesem Zeitpunkt rätselt der Leser immer wieder mit dem manchmal verzweifelten Helden mit. Auch nach Jahren noch. Was will man von einem Krimi mehr verlangen?

Lincoln Child: Wächter der Tiefe

Atlantis? Ein Raumschiff? Ein Endlager für atomaren Müll? Eine aktive Waffe, geeignet diesen Teil des Universums mit Hilfe zweier umeinander kreisender Schwarzer Löcher aus Materie und Antimatierie zu atomisieren? Was ist es, wonach das unglaubliche Regierungsprojekt in der Tiefsee unterhalb der Erdölplattform Deep Storm bis in die Mohorovičić-Diskontinuität bohrt?Gnädigerweise ist das Ziel der Anstrengungen nicht Atlantis…
Und ist diese Rezension hier etwa ein Spoiler? Ja, das ist sie! Allerdings ist das aber nur halb so schlimm, denn es gibt bessere Thriller mit Science-Fiction-Elementen, die man lesen könnte. Thriller, in denen die Figuren nicht so dünn bleiben wie die Seiten des 445-Seiten-Romans aus dem Hause Rowohlt. Einzig die Hauptfigur, aus deren Perspektive die meiste Zeit des Buches über erzählt wird – Dr. Crane, seines Zeichens Mediziner – gewinnt etwas Persönlichkeit. Die anderen Figuren bleiben schattenhaft unverständlich oder bewegen sich innerhalb schon bekannter stereotyper Verhaltensmuster; wenn sie nicht schon innerhalb des Kapitels, in dem sie eingeführt werden, gleich wieder der Dramatik der Ereignisse zum Opfer fallen müssen (Ist es eigentlich ein Qualitätsmerkmal von guter Literatur, wenn man mit Perspektivwechseln und Figuren nicht in einer solchen Weise umgeht?). Dieses gilt für den Bad Military Boy Korolis und den Good Miltary Boy Spartan. Dass letzterer wie ein Kapitän mit seinem Schiff untergeht, weil er für die Fehler seines Untergeben und das Scheitern seines Projektes geradesteht, mag sich zwar im Bereich des Klischees bewegen, ist aber noch erträglich. Dass allerdings Crane und Spartan beim definitiv letzten Von-einander-Scheiden salutieren, während die Station von den brausenden Tiefseemassen überflutet wird, ist (amerikanischer?) militärischer Kitsch.
Die Handlung zwischen Anfang und Ende ist der Suche Cranes nach der Ursache der rätselhaften Erkrankungen, die die Stationsangestellten heimsuchen, der Frage nach dem letzten Ziel der Bohrungen, der Fahndung nach den in ihrer Motivation wenig glaubhaften Saboteuren und der Rettung seiner Haut sowie dem Leben Hui Pings (ja, das ist der amouröse Baustein) geschuldet. Die Handlung ist schnell, manchmal spannend, aber hat mich insgesamt wenig beeindruckt. Aber: Ich habe auch schon Schlechteres gelesen. Ob das das Buch rettet, muss der Rezensent jedoch nicht mehr entscheiden. Gott sei Dank.